Mythos: Blockierung der Wirbelsäule & was wirklich dahinter steckt

Erstellt von Dr. med. Lennart Volbeding |

Was steckt wirklich hinter einer Blockierung der Wirbelsäule? Erfahre, warum aktuelle Wissenschaft das Konzept des „verschobenen Wirbels“ widerlegt.

Was wirklich passiert, wenn sich etwas “blockiert” anfühlt

Warum die alte Vorstellung vom verschobenen Wirbel längst überholt ist – und was Wissenschaft heute stattdessen weiß

Fast jeder kennt das Gefühl: ein Ziehen im Nacken, ein steifer unterer Rücken, ein Punkt zwischen den Schulterblättern, der sich anfühlt, als wäre dort “etwas nicht an seinem Platz”. Die naheliegende Erklärung, die sich seit Jahrzehnten hartnäckig hält, lautet: ein Wirbel ist verrutscht oder eingeklemmt, und jemand muss ihn wieder “einrenken”. Diese Vorstellung ist bildhaft, leicht verständlich – und nach heutigem wissenschaftlichem Kenntnisstand nicht das, was im Körper tatsächlich geschieht.

Eine Frage des Nervensystems, nicht der Mechanik

2022 hat eine Arbeitsgruppe um Dr. Hein Schnell im Fachmagazin Der Orthopäde die neurophysiologischen Grundlagen dessen zusammengefasst, was in der Manuellen Medizin als segmentale und somatische Dysfunktion bezeichnet wird (ICD-10: M99.0X) – der medizinisch korrekte Begriff für das, was umgangssprachlich “Blockierung” genannt wird. Das zentrale Ergebnis: Es handelt sich nicht um eine strukturelle Verschiebung, sondern um eine Störung im sensomotorischen Regelkreis – dem Zusammenspiel zwischen Nervensystem, Muskulatur und Gelenken, das jede Bewegung und Haltung erst möglich macht.

Vereinfacht läuft das so ab: Reize aus Gewebe – Druck, Spannung, kleine Reizungen – laufen im Rückenmark zusammen. Bei einer Überlastung oder Störung reagiert der Körper mit einem Schutzreflex, vergleichbar mit dem reflexartigen Zurückziehen der Hand von einer heißen Herdplatte. Die zugehörige Muskulatur erhöht ihren Tonus, die Beweglichkeit des betroffenen Wirbelsäulenabschnitts nimmt ab. Genau das wird dann als Steifheit oder “Blockierung” wahrgenommen. Nichts ist dabei verrutscht. Ein Regelkreis hat lediglich seine Regulation verloren.

Warum das mehr als eine Wortklauberei ist

Diese Unterscheidung ist keine akademische Spitzfindigkeit. Sie verändert grundlegend, was eine sinnvolle Behandlung erreichen kann und soll. Wenn das Problem eine fehlgeleitete Reflexschleife ist, dann besteht die Aufgabe der Manuellen Medizin nicht darin, etwas “zurückzuschieben”, sondern darin, gezielt propriozeptive Reize zu setzen – Informationen aus Gelenken, Muskeln und Faszien, die dem Nervensystem helfen, seine Regulation wiederzufinden. Genau das beschreibt die Studie als Wirkmechanismus chiropraktischer und manualmedizinischer Techniken: Sie sprechen das körpereigene Steuerungssystem an, nicht eine vermeintlich falsch sitzende Knochenstruktur.

Das erklärt auch, warum Beschwerden oft an Stellen auftreten, die mit dem eigentlichen Ursprung scheinbar nichts zu tun haben. Über segmentale Verschaltungen können sich Funktionsstörungen entlang ganzer Ketten ausbreiten – ein Konzept, das in der Studie mit dem Tensegrity-Modell verglichen wird: einem Bauprinzip, bei dem sich eine Spannungsänderung an einer Stelle auf die gesamte Struktur auswirkt. Der menschliche Körper funktioniert ähnlich vernetzt. Das ist auch der Grund, warum gezielte Arbeit an einer Stelle – etwa der Wirbelsäule – Auswirkungen an ganz anderen Stellen des Körpers haben kann.

Was das für dich bedeutet

Die wichtigste Konsequenz aus diesem aktuellen Verständnis ist eine sehr praktische: Eine “Blockierung” ist grundsätzlich reversibel. Sie ist kein bleibender Schaden, sondern ein Muster, das sich – mit der richtigen Information an das Nervensystem – wieder verändern lässt. Das nimmt dem Thema einen großen Teil seiner Bedrohlichkeit. Es geht nicht darum, etwas Kaputtes zu reparieren, sondern darum, einem fein abgestimmten System zu helfen, wieder in seine eigentliche Funktion zurückzufinden.

Genauso wichtig: Dieses System reguliert sich nicht im Stillstand besser. Bewegung, Belastung und wiederkehrende Reize sind die Sprache, in der das Nervensystem lernt. Wer wissen möchte, wie diese Reize sinnvoll gesetzt werden und wie sich ein einzelner Befund in ein größeres Bild der eigenen Beweglichkeit einordnet, sollte das im persönlichen Gespräch klären – nicht durch Rätselraten an einer ohnehin schon veralteten Modellvorstellung.

 

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Quelle: Schnell, H., Wagner, F. M.-J., Locher, H. (2022). Die segmentale und somatische Dysfunktion – Wie funktioniert Manuelle Medizin? Der Orthopäde, 51, 253–262.

 

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